Roter Riesling – Der vergessene Riesling

in Weinwissen

Roter Riesling: Der vergessene Riesling kehrt zurück

Riesling ist eine der bekanntesten Rebsorten der Welt – und zugleich eine Rebsorte mit überraschend vielen Facetten. Eine davon ist der Rote Riesling, eine historische Variante des Weißen Rieslings, die über lange Zeit nahezu aus dem Weinbau verschwunden war. Heute erlebt der Rote Riesling eine vorsichtige Renaissance. Seine leicht rötlich gefärbten Beeren, seine eigenständige Aromatik und seine besondere genetische Geschichte machen ihn zu einer außergewöhnlichen Erscheinung innerhalb der Rieslingfamilie. Bei Doppler-Hertel wird diese historische Variante seit 2016 wieder gezielt kultiviert. Wer zunächst die Grundlagen der Rebsorte Riesling kennenlernen möchte, findet in „Riesling einfach erklärt“ einen umfassenden Einstieg in Herkunft, Stilistik und Charakter. Dieser Beitrag konzentriert sich dagegen auf die besondere Geschichte und Eigenständigkeit des Roten Rieslings.

Eine lange Geschichte des Rieslings

Die Geschichte des Rieslings reicht weit zurück. Die erste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1435. In einer Rechnung der Grafen von Katzenelnbogen wird der Kauf von Reben dokumentiert. Zu dieser Zeit war die Schreibweise des Namens noch nicht einheitlich. Bezeichnungen wie Rueßelinge, Ruesseling, Ruszlinge oder Ruszling waren gebräuchlich. Auch die Herkunft des Namens wurde lange unterschiedlich erklärt. Nach den Untersuchungen des Namensforschers Prof. Dr. Jürgen Udolph könnte er mit den bei zunehmender Reife sichtbarer werdenden „Rußflecken“ beziehungsweise Lentizellen an den Trieben zusammenhängen. Genetische und ampelographische Untersuchungen ordnen Riesling als Nachkommen des Weißen Heunischs sowie vermutlich eines Sämlings aus Traminer und Vitis sylvestris ein. Seine Entstehung wird im Rheintal vermutet. Diese lange Entwicklungsgeschichte bildet den Hintergrund für eine Besonderheit, die heute wieder stärker ins Blickfeld rückt: den Roten Riesling.

Was ist Roter Riesling?

Der Rote Riesling ist keine eigenständige Rebsorte außerhalb der Rieslingfamilie, sondern eine durch Mutation entstandene Farbvariante des Weißen Rieslings. Seine Beeren entwickeln während der Reife eine zart rosa- bis rötlich gefärbte Schale. Im Keller zeigt sich die Besonderheit weniger offensichtlich: Aus den rötlichen Beeren entsteht, wie beim Weißen Riesling, ein heller Wein. Die Farbe der Beeren macht ihn also nicht zu einem Rotwein. Gerade diese scheinbare Widersprüchlichkeit macht den Roten Riesling interessant. Er sieht im Weinberg anders aus, bleibt genetisch eng mit dem klassischen Riesling verbunden und kann sich dennoch auch sensorisch eigenständig präsentieren.

Wie der Rote Riesling fast verschwand

Über Jahrhunderte standen unterschiedliche Riesling-Varianten teilweise gemeinsam im Weinberg. Diese Form des gemischten Anbaus war im historischen Weinbau weit verbreitet. Der Rote Riesling konnte auf diese Weise erhalten bleiben, ohne dass ihm zwingend eine eigenständige Bedeutung zukam. Mit der zunehmenden Umstellung auf reinsortige Weinberge veränderte sich die Situation. Der Rote Riesling spielte nur eine untergeordnete Rolle und verschwand schließlich aus dem praktischen Anbau nahezu vollständig. Sein Überleben ist deshalb vor allem der Erhaltung alter Rebbestände und dem Engagement von Rebenzüchtern und Weinbauinstitutionen zu verdanken. Ab 1991 wurde der Rote Riesling am Fachgebiet Rebenzüchtung in Geisenheim erhaltungszüchterisch bearbeitet. Weitere Funde in alten Weinbergen trugen dazu bei, die vorhandene Klonvielfalt zu erweitern. Seit 2002 findet die historische Variante wieder Eingang in die weinbauliche Praxis. Damit begann die langsame Rückkehr einer Rebsorte, die über Jahrzehnte fast nur noch in historischen und wissenschaftlichen Zusammenhängen existierte.

Warum ist der Rote Riesling rot?

Die besondere Farbe des Roten Rieslings lässt sich genetisch erklären. Die ursprünglichen wilden Reben trugen blaue oder schwarze Beeren. Weiße Beeren entstanden im Laufe der Evolution durch Mutationen in Genen, die an der Bildung roter Farbpigmente, der Anthocyane, beteiligt sind. Beim Weißen Riesling sind die entscheidenden Gene VvmybA1 und VvmybA2 durch Mutationen funktionslos. Dadurch werden während der Reife keine roten Anthocyane in den Beerenhäuten gebildet. Beim Roten Riesling liegt dagegen eine besondere Rekombination vor. Eine Genvariante, die aus VvmybA3 und VvmybA1 hervorgegangen ist, kann die Bildung von Anthocyanen während der Reife wieder teilweise aktivieren. Die Pigmentbildung bleibt jedoch begrenzt. Deshalb werden die Beeren nicht dunkelrot, sondern entwickeln lediglich rosa- bis rötliche Farbtöne. Interessant ist außerdem, dass die Färbung nicht immer vollständig ausgeprägt ist. Selbst an roten Stöcken können einzelne weiße Trauben auftreten. Dieses Phänomen führte historisch zu der Vermutung, der Rote Riesling könnte die ursprüngliche Form der Rebe sein. Genetische Untersuchungen sprechen jedoch für eine andere Entwicklung: Der Weiße Riesling gilt als Ausgangsform, aus der der Rote Riesling durch eine einmalige Mutation hervorgegangen ist. Die bisher untersuchten Rot-Riesling-Klone weisen dieselbe charakteristische Mutation auf.

Roter Riesling und Weißer Riesling: eng verwandt, nicht identisch

Die enge genetische Verwandtschaft bedeutet nicht, dass beide Varianten im Glas zwangsläufig gleich wirken. Der Rote Riesling kann sich sensorisch durch eine eigenständige Aromatik und eine andere strukturelle Wahrnehmung auszeichnen. Häufig zeigt er würzige und kräuterige Nuancen, die von getrockneten Blüten und feinen Gewürznoten begleitet werden können. Dazu kommen gelbfruchtige bis exotische Anklänge. Dadurch entsteht ein aromatisches Profil, das weniger auf reine Frucht setzt und stärker von Würze und Tiefe geprägt sein kann. Auch am Gaumen kann der Rote Riesling einen anderen Eindruck vermitteln. Im Vergleich zum Weißen Riesling wird häufig eine etwas kräftigere, vollere Struktur beschrieben. Weniger prägnante Säure kann dabei mit mehr zuckerfreiem Extrakt und einer dichteren Textur verbunden sein. So entsteht ein Wein, der seine Riesling-Herkunft erkennen lässt und gleichzeitig eine eigenständige Interpretation darstellt.

Eine historische Rebsorte mit modernem Potenzial

Die Wiederentdeckung des Roten Rieslings ist nicht allein aus historischer Sicht interessant. Auch aus heutiger weinbaulicher Perspektive bietet die Variante spannende Ansatzpunkte. Ihre physiologischen Eigenschaften und ihr Reifeverhalten machen sie zu einer Rebsorte, mit der sich die Frage nach zukünftigen Weinbaustrategien verbinden lässt. Gerade vor dem Hintergrund steigender Temperaturen gewinnt die Suche nach Rebsorten und Varianten mit ausgewogener Reifeentwicklung und ausreichender struktureller Frische an Bedeutung. Dabei sollte der Rote Riesling jedoch nicht allein als Antwort auf den Klimawandel verstanden werden. Seine Bedeutung liegt zunächst in seiner genetischen Besonderheit, seiner historischen Herkunft und der Möglichkeit, eine fast verschwundene Facette der Rieslingfamilie wieder im Weinberg und im Glas erlebbar zu machen.

Roter Riesling in der Südpfalz

Bei Doppler-Hertel wird der Rote Riesling seit 2016 wieder gezielt neu gepflanzt. Damit wird eine historische Riesling-Variante Teil einer zeitgemäßen Weinbergsarbeit und einer regional geprägten Weinphilosophie. Die Südpfalz bietet dabei ein interessantes Umfeld für die Interpretation der Rebsorte. Klima, Standort und Boden schaffen die Bedingungen für die Entwicklung der Trauben, während die Arbeit im Weinberg und Keller darüber entscheidet, wie deutlich sich die Eigenheiten des Roten Rieslings später im Wein zeigen. Der Rote Riesling steht damit beispielhaft für einen Ansatz, bei dem Tradition nicht lediglich bewahrt, sondern wieder praktisch erfahrbar gemacht wird. Aus einer historischen Variante entsteht ein eigenständiger Wein mit Bezug zur Gegenwart. Wer den regionalen Charakter der Rieslinge von Doppler-Hertel kennenlernen möchte, findet die entsprechende Auswahl in unserer Riesling-Kollektion aus der Südpfalz.

Roter Riesling und seine kulinarische Seite

Seine etwas kräftigere Struktur und würzige Aromatik machen den Roten Riesling zu einem vielseitigen Speisenbegleiter. Besonders interessant sind Gerichte, die etwas mehr Substanz besitzen, ohne von intensiver Würze oder Schwere dominiert zu werden. Helles Fleisch wie Kalbfleisch, Kaninchen oder Truthahn kann seine feinen würzigen und gelbfruchtigen Nuancen aufnehmen. Auch Gemüse wie Wirsing, Mangold oder Kohl sowie cremige Saucen und Beilagen können gut mit seiner Textur harmonieren. Wer die Verbindung von Riesling und Küche grundsätzlich entdecken möchte, findet in „Zu welchem Essen Riesling perfekt passt“ weitere Anregungen zu unterschiedlichen Riesling-Stilen. Warum der Rote Riesling heute wieder interessant ist. Der Rote Riesling verbindet mehrere Ebenen, die ihn für Weinliebhaber besonders spannend machen: Er ist Teil der langen Rieslinggeschichte, besitzt eine wissenschaftlich nachvollziehbare genetische Besonderheit und zeigt zugleich einen eigenständigen Charakter im Glas. Seine Wiederentdeckung macht außerdem sichtbar, wie viele historische Varianten im modernen Weinbau verloren gegangen sind. Was heute als seltene Besonderheit erscheint, war einst Teil einer vielfältigeren Weinlandschaft. Gerade deshalb ist der Rote Riesling mehr als eine Kuriosität. Er eröffnet einen anderen Blick auf eine bekannte Rebsorte und zeigt, dass selbst eine weltweit etablierte Rebe noch unbekannte oder vergessene Facetten bereithalten kann.

Fazit: Ein vergessenes Kapitel wird wieder sichtbar

Der Rote Riesling ist eine außergewöhnliche Variante innerhalb der Rieslingfamilie. Seine Geschichte reicht weit zurück, seine genetische Besonderheit ist wissenschaftlich dokumentiert und sein sensorisches Profil unterscheidet sich in interessanten Nuancen vom Weißen Riesling. Dass diese Variante heute wieder kultiviert wird, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erhaltungsarbeit und des Engagements einzelner Weinbaubetriebe. Bei Doppler-Hertel gehört der Rote Riesling seit 2016 wieder zum eigenen Weinbergsbild. Damit wird aus einem beinahe vergessenen Stück Rebsortengeschichte ein Wein für die Gegenwart: eigenständig, traditionsverbunden und mit einer ganz eigenen Perspektive auf Riesling. Wer diese seltene Seite der Rieslingfamilie selbst entdecken möchte, findet den Roten Riesling bei Doppler-Hertel innerhalb der Riesling-Kollektion aus der Südpfalz.

 

Quelle:
- Röckel, F., Hausmann, L., Maul, E., & Töpfer, R. (2017). Roter Riesling – Eine Farbmutante des Weißen Rieslings. In: Deutsches Weinbau-Jahrbuch 2017, 68. Jahrgang. Stuttgart: Eugen Ulmer Verlag. Herausgegeben vom Julius Kühn-Institut, Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof, Siebeldingen.
- Weingut Doppler-Hertel, Essingen/ Pfalz (CC BY 4.0)