Roter Riesling – die wiederentdeckte Seele einer großen Rebsorte

in dh.WeinBlog

Die weltberühmte Rebsorte Riesling steckt voller Geschichten. Kaum eine andere Traube ist so eng mit deutscher Weinkultur, mit Herkunft, Klima und Zeitgeschichte verwoben wie sie. Während der Weiße Riesling heute international als Maßstab für Eleganz, Langlebigkeit und Terroirausdruck gilt, fristete sein enger Verwandter über Jahrhunderte ein Schattendasein: der Rote Riesling. Doch diese beinahe vergessene Rebsorte erlebt derzeit eine bemerkenswerte Renaissance – und eröffnet Weingenießern spannende neue Perspektiven auf eine vertraute Ikone.

Herkunft: Riesling aus dem Herzen des Rheintals

Die erste urkundliche Erwähnung des Rieslings stammt aus dem Jahr 1435. In einer Rechnung der Grafen von Katzenelnbogen in Rüsselsheim wird der Kauf von Reben dokumentiert – ein historischer Beleg, der den Riesling fest im Rheintal zwischen Karlsruhe und Worms verortet. Eine einheitliche Schreibweise existierte zu dieser Zeit allerdings noch nicht: Namen wie Rueßelinge, Ruesseling, Ruszlinge oder Ruszling waren im 15. Jahrhundert gebräuchlich.

Auch die Herkunft des Namens selbst war lange umstritten. Nach aktuellen Erkenntnissen des Namensforschers Prof. Dr. Jürgen Udolph leitet sich der Name Riesling vermutlich von den mit zunehmender Reife stärker sichtbaren „Rußflecken“ (Lentizellen) an den Trieben ab – ein sprachliches Detail, das zeigt, wie genau frühe Winzer ihre Reben beobachteten.

Ampelographisch gilt der Riesling als Nachkomme des Weißen Heunischs sowie vermutlich eines Sämlings aus Traminer und Vitis sylvestris. Seine Entstehung wird im Rheintal vermutet, von wo aus er sich verbreitete. Die Region, geschützt durch den Pfälzerwald und geöffnet zur Rheinebene, bietet ideale Voraussetzungen für den Weinbau: lange Sonnenstunden, milde Winter und eine außergewöhnliche Bodenvielfalt. Kein Zufall also, dass Deutschland – und insbesondere die Pfalz – heute als Kernland des Rieslings gilt.

Roter Riesling: Eine alte Mutation mit neuer Bedeutung

Innerhalb dieser langen Riesling-Geschichte entstand durch eine spontane genetische Mutation aus dem Weißen Riesling eine farblich leicht abweichende Variante: der Rote Riesling. Seine Beeren zeigen im Herbst eine zart rötliche bis rosafarbene Schalenfarbe, während der daraus gekelterte Wein – wie beim Weißen Riesling – hellgelb im Glas erscheint.

Über seine genaue „Geburt“ ist nichts überliefert. Wissenschaftlich gesichert ist jedoch, dass auch der Rote Riesling bereits im späten Mittelalter im gemischten Satz stand – einer damals üblichen Praxis, bei der verschiedene Rebsorten und Farbvarianten gemeinsam im Weinberg wuchsen.

Vor der Reblauskrise spielte der Rote Riesling nur eine untergeordnete Rolle. Mit der späteren Umstellung auf reinsortige Weinberge verschwand er aus unbekannten Gründen nahezu vollständig aus dem praktischen Anbau. Dass er heute wieder existiert, ist wenigen engagierten Bewahrern zu verdanken: In Rebsortimenten überlebte er und wurde ab 1991 am Fachgebiet Rebenzüchtung in Geisenheim erhaltungszüchterisch bearbeitet. Durch zahlreiche Funde in alten Weinbergen konnte die Klonvielfalt gezielt erweitert werden.

Seit 2002 findet der Rote Riesling wieder Eingang in die Praxis und seit 2016 wird er auch bei uns im Weingut Doppler-Hertel wieder gezielt neu gepflanzt – und neu entdeckt.

Exkurs: Die Farbe des Roten Rieslings – wissenschaftlich erklärt

Ursprünglich trugen alle wilden Reben blaue oder schwarze Beeren. Weiße Beeren entstanden erst durch Mutationen in Genen, die für die Bildung von Anthocyanen (rote Farbpigmente) verantwortlich sind. Zwei Gene spielen dabei eine zentrale Rolle: VvmybA1 und VvmybA2.

Beim Weißen Riesling sind diese Gene durch Mutationen funktionslos, sodass keine Farbpigmente gebildet werden. Beim Roten Riesling hingegen liegt eine einzigartige Rekombination vor: Eine bislang unbekannte Genvariante, entstanden aus einer Kombination von VvmybA3 und VvmybA1, ist wieder teilweise funktionsfähig und aktiviert zur Reife (Veraison) die Anthocyanbildung – allerdings nur in begrenztem Umfang. Deshalb erreicht der Rote Riesling niemals eine dunkle Rotfärbung, sondern bleibt bei rosa- bis rötlichen Beerentönen.

Bemerkenswert ist zudem die Instabilität der Farbe: Immer wieder finden sich weiße Trauben an roten Stöcken. Lange nährte dieses Phänomen die Vermutung, der Rote Riesling sei die Urform. Genetische Untersuchungen zeigen jedoch eindeutig: Der Weiße Riesling ist die Urform – der Rote Riesling entstand durch eine einmalige Mutation aus ihm heraus. Alle bisher untersuchten Rot-Riesling-Klone weisen dieselbe Mutation auf.

Charakter: Kraftvoll, würzig, eigenständig

Obwohl genetisch eng verwandt, unterscheidet sich der Rote Riesling sensorisch deutlich von seinem weißen Pendant. Schon in der Nase zeigt er ein würziges Duftspiel, das häufig an Kräuter, getrocknete Blüten und dezente Gewürznoten erinnert. Am Gaumen treten gelbfruchtige bis exotische Aromen hinzu, begleitet von einer feinen Kräutrigkeit, die dem Wein Tiefe und Spannung verleiht.

Strukturell zeigt sich der Rote Riesling oft kräftiger und vollmundiger. Im Vergleich zum Weißen Riesling bringt er weniger prägnante Säure, dafür aber mehr zuckerfreien Extrakt mit. Das Ergebnis ist ein Wein mit spürbarer Substanz, dichter Textur und nachhaltigem Eindruck – seriös und gleichzeitig modern, traditionsbewusst und doch überraschend zeitgemäß.

Man könnte sagen: Der Rote Riesling ist ein Zeitzeuge mit Charisma, gekleidet in trendiger Zurückhaltung, der nicht laut auftritt, aber lange nachhallt.

Terroir & Zukunft: Eine Rebsorte mit Perspektive

Gerade im Kontext des Klimawandels gewinnt der Rote Riesling zunehmend an Bedeutung. Seine robuste physiologische Struktur, die etwas spätere Reife und die natürliche Balance zwischen Frische und Fülle machen ihn für Winzer attraktiv, die auf nachhaltige und zukunftsfähige Rebsorten setzen.

Gleichzeitig bietet er Weingenießern eine faszinierende Möglichkeit, Riesling neu zu erleben – ohne dessen Herkunft, Typizität und Identität zu verlieren.

Kulinarische Vielfalt: Ein starker Partner am Tisch

Auch in der Küche zeigt der Rote Riesling seine Vielseitigkeit. Besonders gut harmoniert er mit feinem, hellem Fleisch wie Truthahn, Kaninchen oder Kalbfleisch. Hier kann er seine subtilen Nuancen entfalten, ohne das Gericht zu dominieren.

Ebenso liebt er dickblättriges Gemüse wie Wirsing, Mangold oder Kohl sowie cremige Beilagen und Saucen, die seine Fülle aufnehmen und ausbalancieren. Seine Struktur macht ihn zu einem idealen Begleiter für anspruchsvolle, aber nicht überladene Gerichte.

Fazit: Ein Riesling für Entdecker

Der Rote Riesling ist kein modischer Schnellläufer. Er ist eine Rebsorte für Genießer, die Tiefe, Herkunft und Geschichte schätzen. Er verbindet historische Wurzeln mit moderner Relevanz, wissenschaftliche Einzigartigkeit mit sensorischer Eigenständigkeit – und vertraute Riesling-DNA mit neuem Ausdruck.

Ein stiller Star, der endlich wieder ins Rampenlicht tritt!


Quelle:
- Röckel, F., Hausmann, L., Maul, E., & Töpfer, R. (2017). Roter Riesling – Eine Farbmutante des Weißen Rieslings. In: Deutsches Weinbau-Jahrbuch 2017, 68. Jahrgang. Stuttgart: Eugen Ulmer Verlag. Herausgegeben vom Julius Kühn-Institut, Institut für Rebenzüchtung Geilweilerhof, Siebeldingen.
- Weingut Doppler-Hertel, Essingen/ Pfalz (CC BY 4.0)



 

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